Die Weltmeister im Kaffeetrinken leben im Norden – Warum trinken die Skandinavier so viel Kaffee?

Die Tage werden kürzer, draußen ist es ungemütlich und wir kommen durchgefroren nach Hause. Was gibt es da Schöneres, als den Duft von frisch gebrühtem Kaffee, der einem schon beim Betreten der warmen Wohnung in die Nase steigt. Dazu noch knusprige Zimtschnecken und das Glück ist perfekt – für viele Schweden. Und Dänen. Und Finnen. Aber zu den leckeren Schnecken kommen wir später noch zurück.

Heute geht’s hier um die skandinavische Kaffeekultur. Es ist doch auffallend, dass sich speziell die skandinavischen Länder in der Statistik des Kaffeekonsums ganz oben einsortieren. Grund genug, einen Blick in den Norden zu werfen. Die Finnen sind übrigens die absoluten Spitzenreiter unter den Kaffeetrinkern:  Runde 12 Kilogramm werden pro Kopf und Jahr konsumiert. Natürlich gibt es auch hier Röstereien und hippe Kaffeebars mit „Coffee Specialties“, vor allem in den Städten. Aber die große Kaffeeliebe gilt im Norden immer noch dem Filterkaffee.

Schwedens Fika: Ein bisschen Bullerbü für jeden Tag

Ist Kaffee so beliebt, weil er lange Nächte und klirrend kalte Winter besser ertragen lässt? Eine Kaffeepause schafft Gemeinschaft und lässt die lange dunkle Zeit besser aushalten – wenn man sie schon nicht verschlafen kann. Wer die bekannten Wallander-Krimis von Henning Mankell gelesen hat, weiß, dass die Ermittlung meist dann ins Stocken gerät, wenn der Kaffeeautomat kaputt ist. Das gesamte Polizeirevier in Ystad, Südschweden, scheint Unmengen an Kaffee zu trinken und lässt  vermuten, dass die Aufklärungsquote mit dem Kaffeekonsum in kausalem Zusammenhang steht.

„Fika“ ist nicht etwa eine Abkürzung für „Filterkaffee“. Mit Fika bezeichnen die Schweden ihre heißgeliebte Kaffeepause. Für Familie, Freunde oder Kollegen werden neben dem klassischen Filterkaffee auch ursprünglichere Varianten zubereitet. Für einen echten Kochkaffee beispielsweise wird frisches Wasser mit dunkel gerösteten, nicht zu fein gemahlenen Bohnen in einer Kanne oder einem Topf direkt aufgekocht. Dies kann entweder auf dem Herd oder auch rustikal im Freien direkt auf dem Feuer geschehen. Für diese Art der Zubereitung sollte man sich Zeit nehmen, denn schließlich muss der Kaffeesatz nun gemütlich nach unten sinken. Dann wird der Kochkaffee vorsichtig in Tassen gegossen. Das Schöne ist: Diese einfache Methode funktioniert überall, wer ein zünftiges Lagerfeuer in Gang kriegt, braucht nicht einmal Strom dafür. Nur Wasser und Kaffee.

Kaffeetopf-auf-dem-Feuer

Im Alltag geht es natürlich nicht ganz so naturbelassen zu und hier kommt dann eher einmal die Pressfilterkanne zum Einsatz. Heißes Wasser wird über die gemahlenen Kaffeebohnen gegossen und nach etwas Ziehzeit mit dem Filter nach unten gedrückt. Sogar Perkolatoren (Dröppel-Minna), die hierzulande in den 50-er Jahren sehr modern waren, kommen nach wie vor zum Einsatz. Oder es gibt einfach Filterkaffee mit Papierfiltern wie sie auch bei uns immer noch verbreitet sind neben all den Vollautomaten. Für den Brühkaffee mahlen die Schweden ihren Kaffee dann aber auch etwas feiner als für den Kochkaffee.
Als die ersten Kaffeebohnen Ende des 17. Jahrhunderts nach Skandinavien kamen, schlugen sie und der herrliche Kaffee, den man leicht daraus zubereiten konnte, wie eine Bombe ein. Wenige Jahre später, zu Beginn des 18. Jahrhunderts, gab es in Stockholm bereits über 50 Kaffeehäuser. Die Liebe zum Kaffee und der heißgeliebten Fika sind bis heute ungebrochen. Die Schweden trinken ihren Kaffee meist schwarz, stark und schätzen es, wenn er nicht zu säurebetont ist. In schwedischen Cafés wird übrigens an der Theke bestellt. Oft erhält man nur eine Tasse und kann sich dann an Kaffeekannen selbst bedienen – oft sogar mit gratis refill, auf gut schwedisch: Påtår ingår genannt – Nachschenken inbegriffen. Das schwedische Kaffeeidyll ist dann perfekt, wenn noch frische, knusprige Zimtschnecken dazu gereicht werden. Darum findet sich hier das passende Rezept, die sind so lecker wie die, die Pettersons Nachbarin immer mitbringt! Petterson und Findus ist übrigens noch so ein schwedischer Klassiker, in dem immer Kaffee auf dem Tisch steht.

Norwegen: Kaffee passt immer

Norwegen ist nicht das Land des klassischen Nachmittagskaffees, hier trinkt man ihn gerne zu jeder Zeit. Zwischendurch, aber auch sehr gerne zu den Mahlzeiten. Neben Milch gehört er zu den liebsten Getränken der Norweger.

Hier gibt es wie in Schweden den klassischen refill, hier „påfill“ genannt, der den doch recht hohen Preis relativiert. Ein tolles Angebot ist auch das jährliche Kaffeeabkommen – das „årlig Kaffeeavtale“ das von vielen Tankstellen-Gesellschaften angeboten wird. Das funktioniert so: Man kauft für einen bestimmten Betrag einen Thermobecher und kann dann ein ganzes Jahr lang an den zur Kette gehörenden Tankstellen umsonst Kaffee tanken. Genial für alle, die mit dem Auto Norwegen bereisen.

Die Norweger haben großen Gefallen an ambitionierten Kaffeebars gefunden und vor allem in den Städten gibt es hier tolle alteingesessene und hippe neue Coffee Bars. Speziell Oslo ist für seine Kaffeeszene inzwischen weltbekannt und Anziehungspunkt für alle, die hellere Röstungen und fruchtbetontere Kaffees mögen. Rohkaffee wird importiert, vor Ort sorgfältig geröstet und von preisgekrönten Barista zubereitet.

Dänemark: darf’s ein bisschen mehr sein?

An den jütländischen Kaffeetafeln führt kein Weg vorbei: Hier beschreibt der Schriftsteller Siegfried Lenz einen opulenten Kaffeeschmaus in seiner Wahlheimat Jütland der ihn und seine Frau an die Grenzen ihrer Kapazitäten und darüber hinaus führt – und das nach dem Abendbrot! Kleine Kostprobe gefällig?
„Die Gastgeberin ließ es sich nicht nehmen, den Kaffee selbst einzuschenken, kräftigen, stark gebrannten Kaffee, und wem es aus der Tasse dampfte, der durfte auch gleich probieren, und auf einmal war ein Seufzen am Tisch (…) und wir seufzten ungeübt mit und und nickten zu dem vollständigen Bekenntnissatz, dass doch nichts über eine gute Tasse Kaffee gehe.“ Dazu gibt es reichlich Köstlichkeiten aus der jütländischen Backstube: Zuerst werden gebutterte Rundstücke (Brötchen) aufgetragen, gefolgt vom Wienerbrød, einem blättrigen Kranzkuchengedicht, anschließend prachtvolle Cremetorten , dann Napoleonschnitten „ein mit Vanillepudding gefülltes Labsal, schön zittrig unter glasierte Blätterteig (…) so dick wie Tolstois Krieg und Frieden“(aus: Siegfried Lenz "Kummer mit jütländischen Kaffeetafeln")

D-nisches-Geb-ckUnd so geht es immer weiter mit Nusstorte und Kleingebäck bis auch der letzte Magen kapituliert. Die dänische Backstube ist auch heute noch berühmt für ihre köstlichen Kalorienbomben, die von reichlich „Mellemristet“, dem dänischen Kaffee begleitet werden. Auch hier gibt es den „påfyld“ – zahle eine Tasse und trink‘ die ganze Kanne – wenn Du es schaffst.

Island: das Land des Sonnenkaffees

Wen überrascht’s? Kaffee ist das beliebteste Getränk der Isländer und wird von früh bis spät  gerne getrunken. Freundlicherweise steht er auch an vielen öffentlichen Stellen zur Verfügung: Es gibt Kaffeeautomaten in Supermärkten, Banken und Postämtern. Die Isländer kennen eine ganz eigene Art, Kaffee zu versüßen: Man nehme ein Stück Würfelzucker in den Mund und trinke den Kaffee einfach hindurch. Diese Variante des Kaffeegenusses wird „Molakaffi“ genannt.

Einen schönen Brauch, die ersten Sonnenstrahlen nach dem langen Winter zu begrüßen, gibt es hier auch: Mit einer Tasse Sonnenkaffee, dem „Sólarkaffi“ und Pfannkuchen.

Die schöne Sitte, einen zweiten Kaffee gratis nachgeschenkt zu erhalten gibt es übrigens auch hier in Cafés und Bars. In  manchen Restaurants wird gar eine Kanne auf den Tisch gestellt.

Nette Tipps zum Ausgehen und Natur und Kultur genießen gibt es hier https://www.islandstube.de/reykjavik/
https://svendura.de/2018island05.php Pfannkuchen ohne Grenzen!

Rekordhalter: Finnland

Aber jetzt zum Spitzenreiter, den absoluten Kaffeekönigen! Mit etwa 12 Kilogramm Rohkaffee, der pro Kopf und Jahr in Finnland konsumiert wird sind die Nordlichter kaffeebegeistert wie keine andere Nation.
(Quelle: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/199898/umfrage/konsum-von-kaffee-in-europa/)

Getrunken wird vor allem eher hell gerösteter Filterkaffee und dies zu jeder Tageszeit. Bei der Arbeit dürfen die Finnen an jedem Tag zwei viertelstündige „Kaffeepaussi“ einlegen. Diese freundliche Regel bietet eine schöne Gelegenheit,  zusammenzukommen und einen kleinen Plausch zu halten. Oder einfach einen Moment abzuschalten und Kraft zu tanken.

Auf Tassen umgerechnet ergeben die 12 Kilogramm Rohkaffee über 1300 Tassen pro Jahr, also über 100 pro Monat. Natürlich entfallen viele dieser Tassen auf die Arbeitspausen, aber natürlich zum Frühstück oder nachmittags mit einer schönen Zimtschnecke (ja, auch hier sind sie sehr beliebt!) oder gar abends ist der Kaffee ein ständiger Begleiter.

Der Besuch von Kaffeehäusern blickt in Finnland inzwischen auch auf eine lange Tradition zurück. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts eröffneten die ersten und das Café Ekberg in Helsinki existiert seit 1852. https://www.ekberg.fi/en/
Die Hausrösterei der Finnen wurde im Jahr 1904 gegründet von Gustav Paulig, einem eingewanderten Lübecker. Der Marktanteil liegt heute bei über der Hälfte und inzwischen betreibt man eine eigene Coffeeshop-Kette, die in Helsinki das Stadtbild prägt.

Interessiert an ungewöhnlichen Kaffeesitten? In manchen nördlichen und zentral gelegenen Regionen Finnlands wird der lokaltypische Käse „Leipäjuusto“ in Würfel geschnitten und im Kaffee versenkt. Der Kaffee erhält dadurch ein etwas strenges Aroma und ein paar Fettaugen. Der leicht angeschmolzenen Käse wird herausgelöffelt. Ungewöhnlich für uns, aber sicher für jeden Finnlandreisenden eine Verkostung wert und gewiss sehr nahrhaft!

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Warum im hohen Norden so viel Kaffee getrunken wird, lässt sich nicht klar beantworten. Aber die Art und Weise, wie es getan wird, verrät uns viel über die Freude am gemütlichen Zusammensitzen oder an der kleinen, geselligen Pause zwischendurch.  Skandinaviens Kaffeekultur ist einladend und eine Ode an die „hyggeligen“ Momente im Leben, wie die Dänen das Gemütliche und Angenehme beschreiben. Passt doch auch gut zu unserem Alltag, oder?